Eine juristische Tragödie

Kommentar zum Urteil des Dreifachmordes.

Ich hatte Tränen in den Augen, Gänsehaut an den Armen. Wenn der Staatsanwalt über die vielversprechende Zukunft des elfjährigen Ben sprach. Als die Kindergärtnerin über Milas lebensfroh Art referieret. Als der Vater von Ben in Tränen ausbrach, weil er seinen eigenen Sohn – und dessen beiden ermordeten Geschwister – beerdigen musste.

„Reiß dich zusammen“, hab ich mir selbst gesagt. Wie sieht das aus, wenn am Pressetisch geweint wird, während die eigene Mutter noch nicht einmal einen Funken von Trauer zeigt? Doch ich konnte nicht anders. Der Prozess ging nicht spurlos an mir vorbei: Eine Mutter wollte sich selbst und ihre drei Kinder umbringen. Überlebt hat nur sie – und ist seitdem von ihren Selbstmordgedanken befreit.

Nun hat das Gericht entschieden: 10 Jahre Haft. Ich war fassungslos. Fast wütend. Zehn Jahre für drei Morde, weil die Angeklagte gut kooperiert habe, weil sie eine schmerzfreie Tötung gewählt habe, weil sie sich mit der Tat selbst so viel Schaden zugefügt habe. „Eine menschliche Tragödie“ nannte die Richterin die Geschehnisse. Eine juristische Tragödie nenne ich ihr Urteil.

Der Staatsanwalt sah das wohl ähnlich, er will gegen das Urteil Revision einlegen. Seine Forderung: 14 Jahre. Doch auch das reicht mir nicht. Welchen Eindruck macht das denn? Was sagt uns das? Das eine Mutter ihre drei Kinder ermorden kann, aber nur zehn Jahre in Haft muss, wenn sie zur richtigen Zeit die richtigen Worte sagt?

2025, mit 55 Jahren, wird Katja R. aus dem Gefängnis kommen. Ihre „emotionale Blindheit“, wie der Psychiater ihre Teilnahmslosigkeit an den Morden nannte, könnte sie bis dahin überwunden und ihre Tat verarbeitet haben. Und dann?

Dann hat sie die Möglichkeit noch mal neu anzufangen, ohne die Kinder, die sie niemals in die Welt hätte setzen sollen, wie sie in ihrem Abschiedsbrief schrieb. Dann kann sie machen, was sie möchte, ihr Leben selbst bestimmen. Zehn Jahre Haft ermöglichen ihr den Start in ein neues Leben. Frei von der Belastung, die sie durch ihre Kinder empfunden hat und dafür musste sie nur eins tun: Ihre drei Kinder umbringen.