Eine Nacht im Knast?!

Ja, eigentlich wollte ich über Nacht bleiben. Um zu erfahren: Wie lebt es sich in Münsters Knast? Doch ich musste mich mit einer Führung am Tag begnügen, was nicht weniger spannend war.

Zu hoher Personalaufwand, zu hohe Sicherheitsrisiken, hieß es. Außerdem sei derzeit auch gar kein Platz: „Wir sind proppe voll“, erklärte mir Justizvollzugsanstalt-Chef Carsten Heim, der mich dafür persönlich durch das denkmalgeschützte Gebäude führt und mir den Tagesablauf eines Inhaftierten beschreibt.

Netze zur Suizid-Prävention 

Vielleicht besser so, denke ich. Die kalten Wände dieses alten Gefängnisses, 1853 erbaut, wirken beklemmend auf mich. Über meinem Kopf hängt ein horizontal gespanntes Netz: „Suizidprävention“, erklärt Heim. Damit sich niemand von der Galerie stürzen kann.

Der Tag dort beginnt um 6 Uhr: aufstehen, frühstücken, arbeiten. Egal, ob Bücherei, Buchbinderei, Schreinerei, Schlosserei, Werkstatt, Kantine, wichtig sei nur eins: Überhaupt zu arbeiten. „Ansonsten sitzen sie nur rum und haben nichts zu tun“, sagt Heim. Und das stelle ich mir auf diesem engen Raum sehr langweilig vor – und frustrierend.

Besonders beliebt: Geistige Arbeit 

Trotzdem malocht hier nicht jeder. Manche haben keine Lust, manche könnten aber auch zur Gefahr für die anderen Inhaftierten werden. Außerdem suchen sich die Insassen ihre Arbeitsplätze nicht selber aus. Sie werden zugeteilt, je nach Verhalten und Fähigkeiten.

Manche Aufgaben sind deshalb besonders beliebt, zum Beispiel die in der Bücherei. Dort ist es warm, gemütlich und ruhig. Außerdem: „Das ist geistige Arbeit“, erklärt mir der Inhaftierte hinter der Ausleihe. Sonst sind die Jobs eher körperlicher, oft auch eintöniger Natur.

Zwei Polizisten auf 46 Inhaftierte

Ein Beispiel: Im Keller des Anbaus arbeiten 46 Insassen und verpacken Gegenstände. Im Auftrag einer Firma. Besonders motiviert sehen sie nicht aus. Abgesehen von den drei Sträflingen in der Ecke, die Karten spielen. Kontrolliert und überwacht werden sie dabei von zwei Polizisten.

Passieren würde da aber nichts: „Die üben aufeinander genug sozialen Druck aus, sich zu benehmen“, erklärt Heim. Denn wenn einer gegen die Regeln der Raucherpause verstößt, kann diese gleich für alle gestrichen werden.

Kein Mindestlohn 

Mittags, von 11.45 Uhr bis 12.35, gibt es Mittagessen. Auf den Zellen, jeder für sich, bevor es mit der entlohnten Arbeit weitergeht. „Neun bis 16 Euro pro Tag“, sagt Heim. Genug, um das verordnete Überbrückungsgeld für die Zeit nach der Entlassung anzusparen. Und um das Hausgeld-Konto aufzubessern.

Beispielsweise für Speisen, die extra bestellt werden dürfen. Wenn den Sträflingen das Kantinenessen mal zu fad wird, da der Speiseplan sich ständig wiederholt.

Der beste Part 

Um 16 Uhr ist Feierabend: Für die nächsten vier Stunden stehen der Aufenthalt im Freien, das Abendessen, Duschen sowie Bücher- und Wäschetausch auf dem Plan. Um 20 Uhr kommt dann der vermutlich beste Part: Die Freizeit. In diesen anderthalb Stunden bis zur Nachtruhe können die Inhaftierten zusammen kochen, Schach spielen, lesen – „was man halt so macht“, sagt Heim. Oder gemütlich im Bett meine Lieblingsserie gucken, denke ich und bin froh, dass aus meiner Übernachtung nichts wurde.