Erfahrungsbericht einer Lauf-Anfängerin


Der Urbanathlon 2014 – Nur was für Leistungssportler?!

11 Kilometer, 13 Hindernisse, mehr als 250 Höhenmeter und 1.000 Stufen. Das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch. Der Urbanathlon ist schon eine echte Herausforderung, für Anfänger als auch für Fortgeschritten. Zu schaffen ist er aber auf jeden Fall, für jede Altersgruppe. Das Durchschnittsalter beträgt zwar 30,67 Jahre, aber der älteste Teilnehmer hat es mit 71 Jahren geschafft. Hut ab! Trotzdem: Ein bisschen Training hilft beim Urbanathlon schon beträchtlich.

Ich selbst habe erst im April diesen Jahres mit dem Laufen begonnen. Hier und da mal fünf Kilometer. Also dachte ich mir: Wie schwer kann der Urbanathlon schon werden? Ich gebe im Nachhinein zu: Ein wenig unterschätzt hatte ich die ganze Sache schon. Mit einer Startgebühr von 54 Euro (inklusive des Finisher-Shirts) war ich angemeldet, zusätzlich noch drei Euro für den Leih-Chip für die Zeitmessung. Schließlich wollte ich auch wissen, wie lange ich brauchte.

Ich hatte mir zwei Stunden eingeplant. Denn sonderlich gut hatte ich mich nicht vorbereitet. Ich bin ein bis zwei Mal die Woche laufen gegangen, hab am Tag vor dem Urbanathlon ordentlich Nudeln gegessen und reichlich Wasser getrunken. Mehr nicht. Und ich habe es überlebt. Genau genommen habe ich es nach 2:06 Stunden durch’s Ziel geschafft. Wirklich sicher, ob ich es schaffen würde, war ich mir zwischendurch aber nicht immer.

Als der Startschuss für uns fiel versuchte ich krampfhaft mich nicht von den anderen 4.500 Läufern mitreißen zu lassen. Das hatte mir auch vorher jeder empfohlen: Immer nur das eigene Tempo laufen, sich nicht mitziehen lassen. Das ist leichter gesagt, als getan. Wenn hundert Leute an einem vorbeirennen will man einfach Gas geben. Ich bildete schließlich die Nachhut meines Startblocks. Die Teilnehmer starteten in acht Blöcken, welche im Vier-Minuten-Takt losliefen. Dementsprechend hatte der Block hinter mir mich auch bald eingeholt. Aber wichtig war mir nur, dass ich es durch das Ziel schaffe. In einem Stück, wenn’s geht.

Das erste Hindernis kam nach nicht mal einem Kilometer: Der „Tyrenator“. Eine Anhäufung von knapp 1.600 Autoreifen, die es zu überwinden galt. Auf 30 Meter Strecke, bis zu zwei Meter hoch gestapelt. Das war noch zu schaffen, wenn auch nicht ganz ohne Anstrengung. Doch das war nur der Anfang.

Bis zur nächsten Hürde musste ich nicht weit laufen, den die „Wall Street“ wartete nur wenige Meter entfernt. Und mit ihr ungefähr hundert weitere Teilnehmer. Ein echtes Problem, das immer wieder auftauchte: An vielen Hindernissen staute es sich gewaltig, da viele Menschen zeitgleich über die Hindernisse wollten. Besonders für die hinteren Startblöcke kam es dadurch zu extremen Wartezeiten. Wer, wie der dreifache Gewinner Florian Reichert (41:34 Minuten), gern auf Zeit laufen möchte, sollte sich also einen Startplatz im vorderen Block organisieren.

Danach folgten der „Urban Jungle“ und „Lucifer’s Staircase“. Ich musste durch Baugerüste und über Europaletten klettern, bevor es die Treppen hoch zum Altoner Balkon und durch den Heine- und Donnerspark sowie den Rosengarten ging. Die Strecke bis zum nächsten Hindernis betrug nur 2,6 Kilometer, brachte aber etliche Treppen und Steigungen mit sich. Eine echte Anstrengung, besonders bei den Temperaturen von ungefähr 25 Grad. Erfreulicher Weise waren zwischendurch immer wieder Wasserstationen aufgebaut, an denen ich mich bedienen konnte. Das half, aber anstrengend war es trotzdem.

Fast war ich froh, als ich endlich die lange Strecke hinter mir gelassen hatte und beim nächsten Hindernis ankam: Dem „Sand Bag Attack“. Dort musste ich, beladen mit  einem 10 Kilo schweren Sack, ungefähr 75 Meter über den Elbstrand sprinten. Zugegeben: Es war mehr keuchendes joggen, als sprinten. Aber ich schaffte es. Danach lief ich am Elbufer entlang, übersprang die Barrieren beim „Jump & Crawl“, bis ich schließlich eine unfreiwillige Pause macht. Zusammen mit allen anderen Teilnehmern.

Die „Halfpipe“ ist 3,70 Meter hoch – und damit mehr als doppelt so groß wie ich. Die Aufgabe: Dieses Hindernis überwinden, entweder von alleine oder mit Hilfe eines Seils. Ich hatte reichlich Zeit mir anzusehen, wie die anderen Teilnehmer das meisterten, denn ich musste ungefähr 20 Minuten warten. Es hatte sich, mal wieder, gestaut. Langsam wanderte ich nach vorne, und betrachtete die anderen Urbanathleten bei ihren Versuchen. Viele, besonders der 15-prozentige Frauenanteil, lies sich helfen: Oben auf der Rampe warteten noch einige der Teilnehmer und zogen die anderen am Seil hoch. Ein echter Zusammenhalt. Ich fragte meinen Nachbarn, der in der Menschenmenge neben mir stand, und tatsächlich – als er oben angekommen war, wartete er mit seinen Freunden auf mich. Also rannte ich los, ein Stück die Halfpipe hoch, ergriff das Seil und mit Schwung hievten mich die Jungs hoch. Alleine hätte ich das vermutlich nicht geschafft, aber das war auch nicht nötig. Für niemanden. Denn irgendwer half immer.

Nun ging es zurück, Richtung Ausgangspunkt. Mehr als die Hälfte hatte ich bereits geschafft, und das Ziel war schon in Sicht. Nur leider von der falschen Seite, denn wir mussten erst einmal daran vorbei und noch etliche Kilometer und Hindernisse im Holzhafen bestreiten. Und das nächste war besonders fies. Beim „Monkey Business“ sollte ich mich an einer acht Meter langen Gerüstkonstruktion durch Hangeln an den Sprossen fortbewegen. Zwei Sprossen schaffte ich, dann rutschte ich ab: Meine Hände waren einfach schon zu schwitzig. Mit dem Problem stand ich nicht alleine da, denn beim fortgeschrittenen Laufen waren viele ganz schön ins Schwitzen gekommen. Trotzdem: Einige schafften es, scheinbar mühelos.

Weiter ging es, über insgesamt 2,3 Kilometer historisches Kopfsteinpflaster, an den nächsten Hindernissen vorbei: Dem „Boardwalk“ (Balance-Akt über Wasser), dem „Happy Dumpster“ (Klettern über Container) und schließlich die „Truck Torture“ (Kriechen unter LKWs). Danach hatte ich allmählich die Hoffnung, dass es bald vorbei sein würde, doch plötzlich macht die Strecke einen kleinen Schlenker und es warteten etliche Stufen und Kilometer auf mich. Hätten ein Teil der 30.000 Zuschauer mich nicht vom Rand aus angefeuert, ich hätte wohl aufgegeben. Aber so rannte ich noch ein Stück weiter, unter der künstlichen Wasserfontäne hindurch, die noch mal Kraft für die Ziellinie und ihre letzten Hindernisse gab: Das „Seafreight“ mit seinen 2,60 Meter hohen Container-Treppen und dem „Traffic Jam“, bei dem vierzehn Autos den Weg versperrten, über die ich drüber klettern musste. Doch dann endlich war es da: Das Ziel. Nach 2:06 Stunden war ich angekommen. Stolz und glücklich. Mir wurde eine Medaille umgegangen, es gab alkoholfreies Bier und Wasser, sowie Äpfel und theoretisch auch Bananen, die allerdings schon aus waren.

Fazit: Der Urbanathlon ist definitiv ein lustiges Sport-Erlebnis, den auch ein untrainierter Menschen schaffen könnte – wenn er die Strecke einfach gemütlich abläuft, ohne auf die Zeit zu achten. Wer keine Lust auf die Anstrengung hat: Um den Lauf herum wird auch ein Festival mit Live-Musik und Promotion-Aktionen veranstaltet, und die Läufer freuen sich über anfeuernde Zuschauer.

Wer den Urbanathlon allerdings wirklich laufen möchte, sollte die Strecke nicht unterschätzen und vorher wenigstens einige Male laufen gehen. Auch wenn ich Tage später noch Muskelkater, blaue Flecken und Schürfwunden hatte – Dieses Erfolgserlebnis hat sich gelohnt!