Essig gegen den Schmerz

Was auf der Bühne des Varieté Theaters so leicht aussieht, erfordert im Hintergrund viel Anspannung

Das Licht ist gedimmt. Rauch schwebt über dem Boden. Die Musik dröhnt. Zusammen mit dem Geruch von gebratener Poulardenbrust dringt freudiges Gemurmel durch den dicken, roten Vorhang. Wie eine Mauer hängt er zwischen den Künstlern auf der Bühne und dem Publikum im Saal.
In wenigen Sekunden wird er aufgehen, dann geht es los: 308 Zuschauer warten an diesem Abend auf die Künstler – volles Haus. Gleich muss alles klappen, nichts darf schief gehen und von der Anspannung nichts zu erkennen sein.

Jeden Abend, Dienstag bis Sonntag, stehen die elf Künstler der „Rockabilly“-Show auf der Bühne des GOP Varieté Theaters München. Darunter auch Alexanne Raby, eine 20-jährige Trapezkünstlerin. Am Wochenende spielen sie und ihre Kollegen sogar zwei Shows hintereinander. Dann begeben sie sich auf eine Zeitreise in die 50er Jahre, eine Welt voller Rollschuhe und Petticoats – und das seit über acht Jahren. 2008 wurde die Show uraufgeführt, seitdem wandert sie über internationale Bühnen. Der Großteil der Original-Besetzung ist in den vielen Jahren gleichgeblieben.

Kurz zuvor saß das Ensemble nur wenige Meter unter der Bühne, auf der sie jetzt stehen: in einem fensterlosen, aber hell erleuchteten Keller. Eine klassische Garderobe mit Spiegeln an jeder Wand, von Glühbirnen umrahmt mit Unmengen an Schminke, Kostümen und Glitzer. „Noch fünf Minuten“, ruft der Stage-Manager plötzlich in den Raum. Unbeeindruckt ziehen die Künstler ihre Lidstriche weiter, justieren ihren Lippenstift nach, glätten ihr Kostüm. „…and in the naked light I saw…“, singt einer der Künstler. Die Anderen stimmen leise mit ein. Wenige Sekunden vor Beginn der Show, wenn im Saal die Musik ertönt, setze sich die Truppe in Bewegung. Über eine Stunde, seit kurz vor sieben, haben sie dort unten gesessen, sich geschminkt, gestylt. Von ihrem natürlichen Aussehen ist mittlerweile nichts mehr zu erkennen. Aber was im grellen Neonlicht der Garderobe wie die Maske eines Transvestiten aussieht, ist auf der Bühne kaum noch als Schminke zu erkennen. Zu viel verfälscht das getönte Scheinwerferlicht.

Jetzt haben sich die Künstler hinter dem Vorhang versammelt: springen, hüpfen, tanzen, schaukeln ihre Stimmung gegenseitig hoch, feuern sich an. Wie ein Football-Team haben die Frauen ihre Arme umeinander gelegt. Sie wirken vertraut, befreundet. Dabei kennen sich manche noch gar nicht lange. Alexanne, die Jüngste im Bunde, ist gerade erst aus Kanada angereist. Es ist ihre erste Festanstellung als Künstlerin. Jacqueline Marschan hingegen ist schon ewig bei der Show, hat 25 Jahre Berufserfahrung.

Plötzlich geht das Licht aus, ein Signal für die Artisten: Es geht los. Jeder stellt sich auf seinen Platz. Die Markierungen auf dem Boden schreiben genau vor, wo sie hin müssen. Doch auf die achtet keiner mehr. Die Künstler kennen ihre Show auswendig, wissen genau, wann sie wo stehen, wann klatschen, wann lächeln müssen. Alles ist einstudiert und wirkt trotzdem ungezwungen. Der Vorhang öffnet sich, Rock’n‘Roll dröhnt aus den Lautsprechern, die Künstler rocken über die Bühne.

Nach vier Minuten ist die erste Einlage vorbei. Die Hälfte der Künstler bleibt auf der Bühne, der Rest schleicht sich durch die Seitengänge hinter die Kulissen. „Ich hasse diesen Tanz, aus mir wird nie ein Tänzer“, sagt einer der Künstler. Seine Kollegen nicken, als hätten sie diesen Satz schon öfter gehört. Dort hinten, abgeschirmt von den Blicken der Zuschauer, geht es laut und lustig zu. Es wird gewitzelt, rumgealbert, über fremde Künstler gelästert.

Während die Herren sich hinten ihren Spaß erlauben, muss die junge Alexanne sich auf ihren eigentlichen Auftritt vorbereiten. In der Show spielt sie Mary-Ann, eine betrunkene Stammkundin im fiktiven Rockabilly-Club. In einem knallroten Kleid und schwarzen Pumps trinkt sie die Bar leer. Ihre Aufgabe: Gut aussehen und mit dem hübschen Barkeeper flirten. Ihr eigentlicher Auftritt, eine Nummer am Trapez, ist wesentlich schwieriger. In zehn Minuten ist sie dran. Vorher muss sie sich noch dehnen. Auf dem roten Samtboden der Garderobe spreizt sie, auf dem Rücken liegend, vor versammelter Mannschaft die Beine. Niemand sieht hin. In Gedanken ist sie bei ihrem neuen Outfit, welches ihre versprochen wurde. Und bei dem schönen Song, den sie heute Mittag gehört hat. Bei dem Einkauf, den sie morgen erledigen muss. Im Hintergrund singt jemand einen Klassiker von Simon and Garfunkel. Wie aus dem Nichts, lässt Alexanne alles stehen und liegen: Ihr Auftritt beginnt.

Scheinbar betrunken stolpert sie über die Bühne. Hinein in den riesigen Luftring, der schon für sie bereit hängt. Sich tollpatschig zu geben, obwohl sie jeden Handgriff perfekt beherrscht, ist ihre größte Herausforderung. Aber das hat sie an der Zirkusschule in Quebec gelernt. Sie schwingt sich hoch in die Lüfte, verrenkt sich an dem runden Trapez. Aber erst als sie kopfüber in dem Ring hängt und dabei in den Spagat geht, jubelt das Publikum. Dabei ist das einer ihrer leichtesten Tricks, die Schwerkraft übernimmt fast die ganze Arbeit. Viel anspruchsvoller ist es, sich mit der Ellenbeuge in den Reifen zu hängen und  sich baumeln zu lassen. „Doch dafür gibt es keinen Applaus, das sieht zu einfach aus“, sagt Alexanne. Das macht jeden Auftritt zu einem Zwiespalt: Sie möchte anspruchsvolle Darbietungen zeigen, aber auch das Publikum begeistern. „Die reagieren nur auf Sachen, die auch spektakulär aussehen“, sagt die Kanadierin.

Nach zehn Minuten ist ihr Auftritt vorbei. Sie verneigt sich, schreitet von der Bühne. In der Umkleide angekommen ist sie völlig außer Atem. Ihre Hände sind von Schwielen übersät, das Tape hat wieder nicht gehalten. Dadurch war sie bei ihrem Auftritt kurz abgelenkt, hatte weniger Halt. Gemerkt hat das niemand. Schmerzhaft ist es trotzdem, die Hornhaut muss sich erst noch bilden. Alexanne ist eben erst seit Kurzem im täglichen Showbusiness. Viel Zeit zum Üben bleibt da nicht. Deshalb steht auf ihrem Schminktisch eine kleine Flasche. „Wenn es besonders weh tut, schütte ich Essig über die Wunde. Dann brennen meine Hände so sehr, dass ich den Schmerz beim Auftritt nicht mehr richtig merke“, sagt sie. Für heute werden aber ein paar Pflaster ausreichen.