Fisch, Fisch, Fisch!

Da stehe ich jetzt im kalten Wasser. Umgeben von drei Männern, die zusammen das Zehnfache von mir wiegen. Und alle versuchen, mir ihre nassen, bärtigen Schnauzen für ein Küsschen ins Gesicht zu drücken. Ich bin aufgeregt, und ein bisschen nervös – und dass ich kalte Füße habe, liegt wahrscheinlich nicht nur an der fehlenden Poolheizung.

LisaRobben08-klWirklich durchdacht hatte ich die Sache vorher nicht. Als Dr. Susanne Matzenau vom Circus Krone fragte: „Können Sie sich was Schöneres vorstellen, als von drei bärtigen Männern umarmt zu werden?“, hatte ich über die Antwort nicht lange nachgedacht. Aber als sie mich gerade an der Hauptkasse abholte, kamen doch gewisse Zweifel auf. Sind solche Seelöwen nicht unglaublich schwer? Können die nicht auch beißen?

Die Antwort ist beide Male „Ja“: Jeder von ihnen ist ungefähr 200 bis 220 Kilo schwer, wird Roland Duss, dem die Tiere gehören, mir später erklären. Und auch wenn sie in seiner Gegenwart stets lammfromm sind: „Letztendlich sind es doch Raubtiere.“ Aber erst einmal führt mich Susanne Matzenau durch den hinteren Bereich des Zirkus, vorbei an den Tigern, Löwen und Elefanten. In einem Gehege räkelt sich „Oberlöwe“ King Tonga in der Sonne – und ich bin froh, dass ich nur mit Robben schwimmen soll. „Der hätte Sie zum Fressen gern“, verspricht mir Susanne Matzenau – und meint das absolut wörtlich.

Als wir an dem 100 000 Liter fassenden Wasserbecken ankommen, ist Seelöwe Charlie schon damit beschäftigt, eine Schulklasse zu bespaßen. Flosse hoch, einmal winken, im Kreis drehen, die Kinder nass spritzen. Nicht ganz selbstlos natürlich, denn als Belohnung gibt es Fisch. Immer und immer wieder. „Das wichtigste Wort, was Sie hier lernen müssen, lautet Fisch“, sagt Dr. Matzenau zu mir.

Also gut, raus aus den Klamotten, rein in den Neopren-Anzug. In Begleitung von Roland Duss folgt endlich der Sprung ins kalte Wasser, wörtlich genauso wie im übertragenen Sinn. Gleich stürzen sich die drei riesigen Seelöwen auf mich, um mir ihre bärtigen Schnauzen ins Gesicht zu drücken und Küsschen zu geben.

Chici, Tino und Joe sind nicht nur schwer, sondern vor allem anhänglich. „Das Haustier für das etwas nassere Wohnzimmer“, lacht Duss über das Trio, das in der TV-Serie „Hallo Robbie“ Schauspielruhm sammelte. Sie verteilen gerne Umarmungen und Küsschen, lassen sich gerne kraulen und streicheln. Stets gefolgt von einem sanften Schubser mit der Flosse Richtung Fischeimer, der sich am Beckenrand befindet: Für jeden Trick gibt es eine Belohnung. „Die wissen genau, wie viel noch in dem Eimer drin ist und wann der leer ist. Da kann ich denen nichts vormachen“, sagt Duss.

Auf Kommando ziehen die Seelöwen mich dann durch das Becken: Ich halte mich am Hals des einen Seelöwen fest, während die anderen mit ihren Schnauzen gegen meine Füße drücken. Nach der Belohnung – natürlich mit Fisch – geht es weiter: Noch eine Runde, diesmal ich auf dem Rücken liegend. Danach wieder Fisch. Einmal über uns drüber springen. Fisch. Winken. Fisch. Klatschen. Fisch. Umarmen. Fisch. Küsschen geben. Fisch. Allmählich verstehe ich, warum dies das wichtigste Wort hier ist.

Obwohl ich noch Stunden mit den drei Seelöwen hätte plantschen und kuscheln können – nach gut 20 Minuten im Becken sind meine Füße eiskalt und außerdem wartet schon die nächste Gruppe: Für Menschen mit Behinderung kann das Schwimmen mit Robben ebenso eine therapeutische Wirkung haben wie mit Delphinen. „Es ist sogar besser, weil Seelöwen es gewohnt sind, zu kommunizieren“, sagt Matzenau.

Kurz denke ich darüber nach, wie ich unauffällig eine Robbe mitnehmen könnte. Aber mein Wohnzimmer ist wohl doch nicht nass genug… Außerdem verursachen sie das ständige Bedürfnis zu duschen – denn irgendwie riecht alles nach Fisch.