Haters gonna hate!

Beschimpfen, beleidigen, abkotzen: Die Anonymität des Internets macht’s möglich und bequem. Doch es sind nicht nur die großen Stars, die unter gehässigen Kommentaren leiden. Nein, auch ich habe meinen persönlichen, eigenen, ganz privaten Hater und ich hatte verdammt lange daran zu knacken.

Ja, Onkel Peter, ich meine dich! Vielen Dank für die Inspiration zu diesem Blogpost und die vielen Kommentare zu meinen gelegentlichen Rechtschreibfehlern.

Für alle meine Freunde und Follower: hier ist unsere Hass-Geschichte.

Vor anderthalb Jahren war ich in Thailand und hatte mir einen Reiseblog aufgebaut. Nichts Spektakuläres. Mehr für mich, meine Leidenschaft fürs Schreiben, aber auch für meine Freunde und Familie.

Nach einem beschissenen Tag auf Koh Samui heulte ich mich medial ein wenig aus, klagte über die Hitze, die Mückenstiche und die Anstrengungen der Selbstfindung. Es kamen reichlich Kommentare von Freunden, die mich aufbauen wollten. Und auch einer von meiner Mutter:

Was für eine Jugend heutzutage!“

Süß, dachte ich. Mutti eben. Doch es schien sich jemand an dieser Aussage zu stören. Unter dem Namen Ralf veröffentlichte er einen Kommentar:

Nette Feststellung, aber keine Leistung, mit allem Komfort, der sich heute bietet.

Als ich knapp 19 Jahre alt war, stieg ich mit zwei Freunden in einen Güterzug und wollte die damalige DDR verlassen. Am Grenzbahnhof Gerstungen erwarteten uns schwer bewaffnete Grenzer und ich mußte 22 Monate in Haft plus acht Monate, die ich meiner Schwester und meiner „Mutter“ verdankte. […]

Was sind da ein paar thailändische Mückenstiche dagegen.

Um sich selbst zu finden, reichen 148 Tage strenger Einzelarrest und knapp acht Jahre Haft.ohne jeden Kontakt.

Alles andere ist Geschwätz.“

Oh boy! Das tat weh. Da griff mich jemand an. Da mochte mich jemand nicht. Warum? Was hatte ich getan? Und vor allem: Wie sollte ich reagieren? Ich versuchte es mit einer persönlichen Mail und dem Hinweis, dass unsere beiden Situationen nicht zu vergleichen wären. Es folgte eine patzige Antwort, in der „Ralf“ sich über mich lustig machte. Das war im Februar 2015. Ab dann war Ruhe.

Zumindest für fast ein Jahr. Im Januar 2016 kam der nächste Angriff. Ich hatte einen Artikel über den Nachtzug von Münster nach Berlin veröffentlicht: „Mein Abteil bestand aus sechs Betten, drei davon auf jeder Seite der Wand hoch gestapelt“, schrieb ich. Die Antwort kam prompt:

Luxus pur.

1974 wurde ich wegen versuchter Republikflucht zu knapp 2 Jahren Haft verurteilt. Im damaligen Honecker-Zuchthaus Naumburg waren wir mit 50 !! Häftlingen auf einer Zelle interniert, wobei das Geld meiner „Verwandten“ nicht einmal für eine Weihnachtskarte reichte und Kontakt strikt vermieden wurde. Die marschierten damals noch mit einem Lied auf den Lippen im sozialistischen Gleichschritt, gerieren sich heute aber als Oppositionelle. […]“

Was sollte ich sagen? Ich versuchte eine neue Taktik: Ignorieren. Das kam offenbar nicht so gut an. Vier Tage später kam der nächste Kommentar:

Sechs Betten auf engstem Raum ist menschenunwürdig.

Da bin ich froh, daß mein Domizil in Rummelsburg 1983 wesentlich komfortabler war. Wie habe ich mich in dieser Zeit über die zahllosen Briefe, Besuche und Pakete meiner Verwandten gefreut, welche mir in dieser dunklen Stunde meines Lebens eine Stütze waren. Schluchz…..“

Offensichtlich hatte ich einen Nerv getroffen. Ich fühlte mich hilflos und überfordert, also ignorierte ich ihn weiter, löschte seine Kommentare. Elf Tage später kam eine lange Mail an meine private Adresse von einem Nutzer namens „Mungo0204“. Betreff: „Gewalt in der Familie – Erinnerungen“. Diese Mail werde ich aus Höflichkeit nicht veröffentlichen, da sie sehr private Informationen und Qualen enthält.

Nur so viel: Es beschrieb sehr ausführlich, wie er als Kind und Jugendlicher von seiner Familie misshandelt worden sein soll. Der schlimmste Mensch schien dabei seine Schwester zu sein. Warum ich das betone? Weil es wesentlich zur Aufklärung beitrug. Denn er beklagte sich über sie:

Hatte sie sich nicht selber Jahrzehnte später in einem Ahauser Verein gar bitterlich über Gewalt in der Familie empört? Scheinheiligkeit in höchster Vollendung.“

Da klingelte es in meinem Kopf. Ahaus? Das war doch meine Nachbarstadt, in der meine Mutter früher ehrenamtlich im Verein „Frauen für Frauen“ gearbeitet hatte. Es machte langsam Klick und eine Frage wurde in meinem Kopf immer lauter: Warum sollte ein Fremder mich eigentlich so hassen?

Ganz einfach: Weil er kein Fremder war.
Zumindest war ich ihm nicht fremd.

Ich zählte eins und eins zusammen. Aus allen Daten, die er in den Mails preisgegeben hatte, erstellte ich einen Lebenslauf und legte ihn meiner Mutter vor: „Erinnert dich das an wen?“, fragte ich sie und damit war klar: Mein Hater war mein Onkel Peter. Und seine verhasste Schwester meine Mutter. Ganz großes Kino.

Was für eine arme Wurst, dachte ich. Denke ich immer noch.

Ich hatte meinen Onkel nie kennengelernt. Der Kontakt zwischen ihm und meiner Mutter ist im Sande verlaufen, als ich zwei Jahre alt war. Früher hatten sich die beiden wohl ganz gut verstanden. In der Zwischenzeit aber muss er eine Abneigung zu ihr aufgebaut haben und diese auf mich projizieren.

Peter, was auch immer dir passiert und widerfahren ist: Ich kann nichts dafür.

Nun war die entscheidende Frage: Wie gehe ich mit der Situation um? Natürlich hab ich erstmal die Polizei angerufen und gefragt, was sich da machen lässt. Denn die Kommentare und Mails kamen mittlerweile beinah wöchentlich. Immer unter anderem Namen und von anderen Mailadressen: Ralf, Mungo0204, Peter, Naumberg1975, Naumberg 1976, kaiuweK, Klaus, Jake.

Alle mit dem gleichen Tenor, der gleichen Syntax, dem gleichen Background. Entweder, es lasen verdammt viele Republikflüchtlinge meinen Blog oder es handelte sich um die gleiche Person.

Neben grammatikalischen Verbesserungsvorschlägen (Danke, Onkel! Das erspart mir das Korrekturlesen) und konstruktiven Kommentaren („Fehler entdeckt.“, „Ein feiner Deutsch.“ oder: „Schlecht formuliert.“), wurden seine Anmerkungen immer allmählich beleidigend. Kostprobe? Gerne!

Gähn, wie langweilig.“

Oder zuletzt:

Offensichtlich wird der journalistische Nachwuchs direkt von der Hauptschule rekrutiert.

Damit rückt der Pulitzer in unerreichbare Ferne.“

Und mein Favorit:

Der Verblödungsgrad muß wohl genetisch bedingt sein. Anders läßt sich das Vakuum nicht erklären. Nach Tamagochi und Moorhuhn nun Pokemon-Go für die geistigen Tiefflieger.“

Genetisch bedingt? Peter, wir sind verwandt! Du hast dich gerade selbst beleidigt!

Nach dem Gespräch mit der Polizei dachte ich eine Weile nach und entwickelte schließlich Mitleid. Überlegt es euch: Was für 1 Mensch abonniert ’nen RSS-Feed vom Blog seiner Nichte, nur um nach Fehlern zu suchen und sie dann zu beleidigen?

Eine universelle Antwort darauf hab ich nicht gefunden. Obwohl mich diese Erfahrung einiges gelehrt hat, beispielsweise wie schmerzhaft und verunsichernd anonymer Hass ist, konnte ich dieser Geschichte keine spruchreife Moral entziehen. Eine Art kategorische Lösung, wie Blogger mit Hatern umgehen und den Hass verkraften sollten. Denn: Was ich machen würde, wenn einer kommt, den ich nicht verstehen lernen kann, der wirklich anonym bleibt, der mich nicht bewusst ausgesucht hat (weil ich seine Nichte bin), sondern sich einfach auf mich einschießt…? Ich weiß es nicht. Hoffen wir, dass es nie dazu kommt.

Ich konnte letztlich nur mit der Situation umgehen, als ich mehr über meinen „Kommentator“ herausgefunden habe (über seine Geschichte, sein Leid, seine Vergangenheit) und Mitleid entwickelt habe. Seit ich diese Antwort für mich selbst gefunden habe, lächle ich nur noch, wenn eine neue Benachrichtigung kommt und ich bin mir sicher, dass ich nach diesem Blogpost viel zu lächeln haben werde.

 

 

 

5 thoughts on “Haters gonna hate!”

  1. Diese Geschichte erzählte mir meine Großmutter.

    Es war einmal ein kleines Mädchen, welches sich allein zu Hause fürchtete. Das muss nicht wundern, auch ich fürchtete mich als Kind, z.B. vor Blitzen oder Mähdreschern 🙂
    Eines Tages wollte Vater Benno von Mutter Iris mit dem Auto auf Arbeit gefahren werden.
    Offensichtlich schien die Zeit knapp, kurzum, das kleine Mädchen wurde trotz seiner Angst
    vor dem Alleinsein in der elterlichen Wohnung eingesperrt und allein gelassen. Meine Großmutter fragte später weinend und fassungslos „Warum haben sie das Kind nicht mitgenommen ?“

    In seiner Not und Angst kletterte das kleine Mädchen auf die Fensterbank und öffnete das Fenster im Hochparterre… Sturzhöhe 2.50 m……den Rest erspare ich dem geneigten Leser.

    Wenige Tage später fiel das kleine Mädchen in der Schule um und war tot. Hirnschlag.

  2. „Auf Arbeit gefahren werden wollen“ und dann von schlechtem Deutsch schreiben…
    Mein Mitleid – für Lisa.

  3. Gott, was für ein feiges, armseliges Ossi-Arschloch. Ist vermutlich auch noch Pegida-Anhänger und wundert sich, daß ihn keiner lieb hat.
    Für solcherlei Subjekte kann man kein Mitleid haben – höchstens Verachtung.

  4. Ah, und noch ein Nachtrag @Lisa zur Frage, wie man damit umgehen sollte. Einfach geschrieben (ich weiß, nicht einfach umgesetzt):
    Auf Blogs keine Kommentare mehr zulassen und Mails von solchen Spinnern direkt und nach dem Anlesen (also wenn Du sie als solche erkannt hast) als SPAM klassifizieren & löschen (wahlweise aufbewahren für eine große Rache irgendwann). Und: irgendwann mal mit $GUTERFREUND hinfahren und dem Typ links und rechts eine schallern. Damit hat er laut eigener Aussage ja Erfahrung, dann weiß er, wo’s langgeht.

    Und @Arschloch-Ossi: wieso springst nicht einfach vor einen Zug? Am besten in Sachsen.

  5. Meine Schwester bringt mich heute noch zum Heulen vor Freude wen Ich Sie sehe und Ich dachte immer Ich bin ein Mann .(Rechtschreibung nicht beachten).Holger

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