Schnapp sie dir alle!

Meine Freunde stöhnten laut. „Du hast waaaaas?!“, fragten sie mich empört. Als ob ich ein Verbrechen begangen hätte. „Ich hab’ mir Pokémon Go heruntergeladen“, wiederholte ich meine Aussage selbstbewusst. Mein Freundeskreis verdrehte die Augen.

Das sei doch was für Kinder, und wieder nur so ein blöder Internethype, sagten sie. Das sei rein beruflich, wusste ich mich zu rechtfertigen. Ihre Mimik entspannte sich. Ich liebe diese Ausrede. Immer wenn ich so einem blöden Trend folge, den jeder mitmacht, auch wenn es niemand zugeben will, kann ich das beruflich begründen. Schließlich muss ich als Journalistin am Zeitgeschehen teilnehmen. Außerdem soll ich für die Redaktion in Coesfeld einen Selbstversuch mit dem neuen Spiel machen.

Denn wenn etwas gerade Trend ist, dann diese neue App. Twitter, Facebook, Instagram, Jodel – spätestens seit dem Erscheinen am Mittwoch in Deutschland sind die sozialen Netzwerke voll davon. Geradezu überladen. Darüber müssen wir einfach was in der nächsten Ausgabe bringen. Dass ich mich lautstark freiwillig gemeldet habe, brauche ich meinen Freunden ja nicht auf die Nase binden. Auch nicht, dass es mir tierisch viel Spaß macht – und ich die App so schnell nicht löschen werde. Immerhin bin ich schon auf Level 6 – und das ist hier mein Artikel geworden:

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Mein Freundeskreis und die sozialen Netzwerke kennen gerade nur noch ein Thema: Pokémon Go. Das beliebte Videospiel aus den 1990er Jahren kam letzten Mittwoch in Deutschland als App raus. Das Besondere: Das virtuelle Spiel vermischt sich mit der Wirklichkeit. Zeit für einen Selbstversuch.

Die Frau lacht laut los: „Meine Kinder spielen das auch“, sagt sie im Vorbeilaufen. Erst da bemerke ich, dass ich mitten auf der Straße stehe und wie verrückt mit meinem Zeigefinger über das Smartphone wische. Denn vor mir lauert ein Traumato. Eins von 151 Pokémon, die es bei dem Spiel zu fangen gilt. Natürlich steht es nicht wirklich vor mir, das kleine Taschenmonster. Vielmehr sehe ich es auf meinem Smartphone. Denn die App bildet über die Kamera die Realität ab und fügt die winzigen Wesen einfach ein. Augmented Reality, nennt sich das: Erweitere Realität. Und tatsächlich – es wirkt real. Das Pokémon scheint zum Greifen nah. Mein Puls geht hoch, das Adrenalin schießt durch meine Adern. Ich bin aufgeregt.

Dabei habe ich gerade erst mit dem Spiel begonnen. Das ist ganz einfach: App runterladen, das Aussehen der eigenen Spielfigur wählen, die Karte der direkten Umgebung auf dem Handydisplay ansehen – und schon kann’s los gehen. In meinem Fall steht mir prompt ein Schilly gegenüber. Das will ich fangen. Wie wild drücke ich auf dem Bildschirm rum. „Erwischt!“, heißt es plötzlich auf meinem Bildschirm. Mein erstes Taschenmonster – das bedeutet Pokémon auf Deutsch übersetzt – ist eingefangen. Juhu!

Ich ziehe los. Aus der Redaktion heraus, die Straße herunter. Ich steure direkt auf die Markierung der Landkarte in meiner App zu. Es handelt sich um einen Pokestop: An Orten mit Wiedererkennungswert werden sie digital abgebildet und bringen dem virtuellen Besucher einen Bonus. In Coesfeld sind das zum Beispiel die Kupferpassage oder der Goldene Adler in der Innenstadt. Jedes Mal, wenn ich an solchen Stopps vorbeikomme, sammele ich Punkte, Süßigkeiten, Feenstaub oder Pokébälle.

13767283_1596403163711209_8082586289806972789_oWas mir das alles bringt? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur eins: Ich will unbedingt mehr von den kleinen Viechern einfangen. Getreu dem offiziellen Pokémon-Motto: „Schnapp sie dir alle!“ Sonderlich schwierig ist das nicht. Denn die Mini-Monster tauchen immer mal wieder auf. Auch besagtes Traumato, das plötzlich im Eingang eines Ladens vor mir steht. Erneut wische ich flink über mein Handydisplay. Und siehe da: Es dauert nicht lange, bis das Monster auf meinem Bildschirm in dem kleinen rot-weißen Ball verschwindet. „Erwischt!“ Schon wieder.

So setze ich meinen Streifzug durch die Innenstadt fort. Am Ende bin ich rund vier Kilometer in anderthalb Stunden gelaufen und habe zirka 300 Kalorien verbrannt. Hätte ich die Zeit in der Redaktion gesessen, wären es wohl nur knapp 80 gewesen. Bewegung bringt das neue Spiel also auf jeden Fall – denn ohne das ständige Umherlaufen funktioniert es nicht. Und Spaß macht’s auch.
Doch es lenkt ebenfalls ordentlich ab. Ziemlich genau 15 Menschen müssen mir ausweichen, werden von mir angerempelt oder prallen beinah mit mir zusammen. Auch, wenn ich die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten dank der Pokestops besser kennenlerne: Ihre Einwohner verärgere ich. Denn ich bin unaufmerksam – und das nicht nur ein Mal. Ich ignoriere Autos und Verkehrsschilder, versperre Menschen den Weg und bleibe mitten im Laufen stehen. Nur, um ein kleines Monster auf meinem Bildschirm einzufangen.

Zugegeben, Pokémon Go macht richtig Laune. Doch nach anderthalb Stunden hat das Ganze ein abruptes Ende: War mein Akku vor meiner Jagd noch halb voll, ist er jetzt plötzlich leer. Ich muss vorerst aufgeben – und das, obwohl ich gerade Level 5 erreicht habe und endlich in der Arena am Marktplatz hätte antreten können. Aber was soll’s? Geh’ ich halt nach Feierabend noch mal hin und spiel ’ne Runde . . .