Selbstversuch zum Ramadan

„Können wir das irgendwie lokal herunter brechen?“, hat wohl jeder Journalist schon mal gehört. So auch ich. Letzte Woche sind wir in der Redaktion die Themen der Woche durchgegangen. Mit einem Blick in den Kalender stellte ich fest: Am Donnerstag beginnt der Ramadan. Für über eine Milliarde Muslime weltweit der Startschuss für eine lange Fastenzeit.

So, und wie sollen wir das nun lokal runter brechen? Ganz einfach: Lisa macht den Selbstversuch. Drei Tage wollte ich es versuchen, aber – so viel kann ich schon mal sagen – ich hab es nicht mal einen ganzen Tag ausgehalten. Im folgenden findet ihr meine beiden Artikel: Der Anfang und das schnelle Ende eines kläglichen Selbstversuchs.

 


Teil 1: „Von Luft und Dampf“

STEINFURT Der Wecker klingelt. Es ist 2 Uhr morgens. „Nur noch mal kurz die Augen zu machen“, denke ich. Der Wecker klingelt erneut. Nun ist es bereits 2.54 Uhr. Ich habe verschlafen. Es ist bereits Zeit für das erste Gebet des Tages, das Fadschr. Damit ist auch die Zeit verstrichen, um Nahrung und Flüssigkeit für die nächsten 19 Stunden aufzunehmen. Eine Entscheidung muss her: die Aktion abbrechen oder direkt mit einem Regelbruch beginnen? Ich faste.

Ich springe aus dem Bett und schiebe mir in wenigen Minuten so viel Essen in den Mund, wie es nur irgendwie möglich ist: Apfel, Banane, Datteln, Feigen, Müsli und Nüsse. Ich spüle alles mit Tee und Saft runter. Flüssigkeit ist wichtig, um nicht zu dehydrieren. Ich schütte alles in mich hinein, als wäre es das letzte, was ich für lange Zeit zu mir nehmen würde. Zumindest für die nächsten 19 Stunden stimmt dies ja auch.
{element} Mit dem ersten Tag des islamischen Monats Ramadan, dem „heißen Monat“, beginnt die Fastenzeit für 1,4 Milliarden Muslime weltweit. Und somit auch für mich. Obwohl ich atheistisch erzogen wurde, will ich in den nächsten drei Tagen die Regeln des Ramadan befolgen. Also tagsüber weder Nahrung noch Flüssigkeit, angemessene und bedeckende Kleidung tragen, keine sexuellen Handlungen und Geduld mit sich selbst und seinen Mitmenschen haben.

ZzZzZzZz

Meine Geduld wird als erstes auf die Probe gestellt. Ich bin müde, und extrem satt. So satt, dass mir schlecht wird. Ich bleibe dennoch zuversichtlich: So schwer kann das doch nicht werden. Aber wie sagte meine Mutter immer: „Mit vollem Bauch lassen sich die besten Diätpläne machen!“ Ich liege im Bett und wälze mich von einer Seite auf die andere. Hin und her. Hin und her. Ich habe jetzt schon keine Lust mehr. Ich will einschlafen, aber mein Körper arbeitet zu sehr. Zwei Stunden liege ich bereits wach und verdaue, bis 4.18 Uhr. Dabei möchte ich soooo gerne schlafen. ZzZzZzZz.

Der Wecker klingelt erneut. Es ist 8.30 Uhr. Ich liege schweißgebadet im Bett. Mein Körper hatte hart arbeiten müssen, um das ganze Essen zu verdauen. Ich bin immer noch satt, aber schlecht ist mir nicht mehr. Bereits beim Aufwachen weiß ich: Der Hunger wird weniger ein Problem werden als der Durst. Ich will meinen Morgentee. Meinen Orangensaft. Meinen Smoothie. Nichts davon nehme ich zu mir. Bis zur nächsten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sind es noch dreizehneinhalb Stunden.
Im Ramadan dürfen Muslime nur zwischen dem vierten und dem ersten Gebet, dem Maghrib und dem Fadschr, essen und trinken. Also zwischen 21.53 und 2.54 Uhr. Zumindest treffen diese Zeiten für unsere Region zu, denn die Zeiten werden nach dem Sonnenstand berechnet. In Mekka zum Beispiel, dem heiligen Ort der Muslime, könnte ich von 19.05 Uhr bis 4.30 Uhr essen und trinken. „Pech für mich“, denke ich. Als wir am Vortag in der Redaktion die Idee besprochen hatten, hielt ich das noch für eine gute Idee. Es gibt schließlich tausende von Muslimen in Deutschland, die sich an Ramadan halten. Darunter auch mehrere Freunde von mir.

Der Durst 

Es ist erst 11.14 Uhr. Ich sitze in der Redaktion und schreibe an einem Artikel, bereite mich auf den nächsten Termin vor. Die Ablenkung tut gut, doch meine Gedanken springen immer wieder zu dem einen Thema: Durst. Mein Magen rebelliert, meine Kehle trocknet langsam aus. Ich denke über Schlupflöcher nach. Ich darf Flüssigkeit nicht direkt zu mir nehmen, aber es muss doch eine Hintertür geben. Darf ich Wasser gurgeln? Mir die Zähne tagsüber putzen?

Ich nehme eine Tasse Dampf

Den Wasserdampf meines geliebten Morgentees einatmen? Ich recherchiere und werde fündig. All dies ist erlaubt. Solange ich nichts schlucke, ist das alles erlaubt. Aber irgendwie ist das ja nun auch nicht der Sinn der ganzen Sache. Trotzdem: Den ein oder anderen Wasserdampf hab ich mir im Laufe des Tages dann doch gegönnt.
Der Mittag vergeht wesentlich besser, als ich es erwartet habe. Die Arbeit lenkt mich ab und ich habe mich an meine neue Situation gewöhnt. Natürlich meldet sich mein Magen gelegentlich zu Wort und mein Kopf fühlt sich allmählich etwas matschig an. Die Kollegen scherzen und trinken genüsslich ihren Kaffee. Das ist bitter.

Später am Tag: Meine Konzentration lässt nach. Aber meine Angst vor dem Durst ist nicht mehr so groß, obwohl ich ihn immer noch weitere sechs Stunden aushalten muss. Ich seufze in mich hinein. Das Schlimmste für diesen Tag steht noch aus: Der Geburtstag meiner besten Freundin. Ich habe sie zu 19 Uhr zum Essen eingeladen.

 

 


Teil 2: „Der Körper, ein Wunderwerk“

STEINFURT Ich habe Durst. Unbeschreiblichen Durst. Und es ist gerade mal 17 Uhr. Also noch fünf Stunden bis zum Sonnenuntergang und dem Maghrib. Dem Zeitpunkt, an dem im Ramadan endlich gegessen und getrunken werden darf. Fünf Stunden, in denen noch einiges auf dem Programm steht, nämlich zwei Geburtstagsfeiern.

Ein straffes Abendprogramm steht mir bevor. Zuerst will ich auf den Geburtstag von Elisabete. Sie hatte schon vor Wochen zum Grillen eingeladen. Eilig schwinge ich mich nach Feierabend auf mein Fahrrad und düse los. Sechs Kilometer in zwanzig Minuten, natürlich mit dem Fahrrad – Und das, obwohl ich seit 15 Stunden nichts getrunken und gegessen habe. Jeder Schweißtropfen auf meiner Stirn kommt mir wie verschwendete Ressourcen vor. Ich fühle mich ausgetrocknet. „Alles Einbildung“, denke ich. Aber der Phantomschmerz in meiner Leber will davon auch nicht weggehen. Ich kann meine Leber förmlich arbeiten spüren.

Was sagt die Ernährungsberaterin?

Für meinen Körper ist das Fasten anstrengend und stressig – Und das bereits nach einem Tag. „Der Körper ist so gemacht, dass er über den Tag die Energie braucht. Wenn man nichts isst und nichts trinkt, dann läuft der Körper auf Sparflamme“, erklärt mir die Ernährungsberaterin Gabriella Rocchi. Während des Ramadan würde der Körper aber erst abends die nötige Energie bekommen und müsste nachts, wenn er eigentlich seine Regenerationszeit hat, die ganze Verdauungsarbeit leisten. Oftmals würden die Fastenden in dieser Zeit aber besonders viel zu sich nehmen. Erstens um satt zu werden, zweitens um auf Vorrat zu essen. „Man kann aber nicht auf Vorrat essen, das ist ein Irrtum“, sagt Rocchi. Der Körper würde im Laufe des Tages also trotzdem Hunger bekommen.

Mein Körper schreit nach Flüssigkeit

Angestrengt komme ich mit etwas Verspätung. Der Grill läuft, die Korken ploppen bereits. Die Feier ist in vollem Gange. Mir wird ein Bier angeboten – Ich muss ablehnen. Ebenso Wein, Sekt, sogar Wasser. Einfach alles. Meine Laune ist im Keller. Ich hab keine Lust mehr. Ich fühle mich kraftlos, schlapp, krank. Mein Körper schreit nach Flüssigkeit. In meinem Kopf läuft eine Stoppuhr. Noch drei Stunden und 14 Minuten, denke ich. Drei Stunden und 13 Minuten. Zwölf Minuten. Elf Minuten.

Wie halten über eine Milliarde Muslime weltweit das ganze 29 Tage lang aus?, frage ich mich. Ich überlebe kaum einen Tag. Was haben die, was ich nicht habe? Die Antwort liegt auf der Hand: Religiöse Überzeugung. Für sie ist das nicht irgendein Experiment, das jederzeit abgebrochen werden kann. Für sie ist es ein Teil ihrer Religion. Ihre Motivation ist ganz anders, als meine. Besser gesagt: Sie haben eine Motivation, und ich habe keine.

Der Körper ist ein Wunderwerk

Das Schlimmste ist für mich nicht der Verzicht auf Essen, sondern der Verzicht auf Flüssigkeit. „Dem Körper fehlen Mineralien und das Wasserhaushalt kommt durcheinander“, sagt Rocchi. Wenn ich mir vorstelle, dass es nun 32 Grad statt 19 Grad wären. Allmählich habe ich das Gefühl, meinem Körper echten Schaden anzutun. Doch Rocchi kann mich beruhigen: „Der Körper ist ein Wunderwerk. Der kann das schnell kompensieren, sodass kein langfristiger Schaden entsteht“, sagt sie. Zumindest nicht, wenn man für 29 Tage nur nachts Flüssigkeit zu sich nimmt. Anstrengend sei es für den Körper aber trotzdem, das stünde außer Frage.

Ich breche ab

Doch ihre beruhigenden Erklärungen sind mir egal. Ich habe immer noch Durst. Wieder denke ich über Schlupflöcher nach. Ich fange an zu googlen, und nach einer Weile habe ich die Lösung: Es ist genau 19.05 Uhr, als ich das Fasten abbreche – genau der Zeitpunkt, als in Mekka die Sonne untergeht und die Muslime in der heiligen Stadt wieder Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen. Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr. Mir ist jede Ausrede recht, um endlich Wasser in mich hinein zu kippen. Einen halben Liter, ohne abzusetzen. Drei Stunden bevor es erlaubt wäre. Aber das ist mir egal. Denn ansonsten überstehe ich das Abendprogramm nicht.

Um 20 Uhr breche ich auf zum nächsten Geburtstag: Ich habe meine beste Freundin zum Essen beim Vietnamesen eingeladen. Natürlich lange, bevor ich den spontanen Selbstversuch in Erwägung gezogen hatte. Ich bestelle mir eine große Flasche Wasser und eine riesige Portion Essen, welche ich aber nur zur Hälfte schaffe – Mein Magen war schon zusammengeschrumpft. Hunger habe ich den ganzen Tag über kaum gehabt. Nur Durst. Unglaublichen Durst. Erst jetzt, gegen 21 Uhr, und nach anderthalb Litern Flüssigkeit und ein bisschen Essen, fühlt sich mein Körper wieder gesund an. Auf dem Nachhauseweg denke ich kurz darüber nach, ob ich morgen weiter machen soll. Das würde bedeuten: Bis 3 Uhr weiter Nahrung und Flüssigkeit zu mir nehmen, dann völlig übersättigt schlafen gehen und am nächsten Tag wieder qualvoll bis zum Sonnenuntergang den Durst ignorieren.

Morgen gibt es wieder Frühstück

Nein, denke ich. Ein Tag reicht mir. Ich hatte einen Tag mühsam überstanden, und den nicht mal ganz. Drei Stunden hätte ich noch durchhalten müssen, aber ich will nicht mehr. Ich bereue die Erfahrung aber nicht: Sie hat mir einen interessanten Einblick in eine andere Kultur ermöglicht und ich habe das Gefühl, meinen Körper besser zu kennen. Angenehm satt lege ich mich in mein Bett und träume vom Frühstück am nächsten Tag. Ich kann es kaum erwarten.