Tausche Seele gegen Urlaub

Pressefahrten. Das ist ein Thema, da kann man ganze Abende mit den Kollegen füllen. Bestechung, schreien die einen. Kostenloser Urlaub, die anderen. Moralischer Codex versus schlechte Bezahlung unseres Berufsfeldes. Ich selbst war mir da nicht sicher: Die Vorzüge eines finanzierten Urlaubs schienen mir zu überwiegen. Ich bin eben Student, und mein letzter richtiger Urlaub war schon eine Weile her. Nun musste mich nur noch irgendwer einladen
Die Gelegenheit dazu kam schneller als gedacht. Das Segelunternehmen „Holland Sails“ wollte zu ihrem fünfjährigen
Jubiläum einen Segelausflug veranstalten. Von Makkum nach Harlingen, zum Tallship Race. Drei Tage auf dem Segelschiff „Grote Beer“, mit Übernachtung, und Essen. Optimal. Da musste ich hin. Nur wie?

Nicht, dass die mich direkt angeschrieben hätten. Ein Kollege hatte den Tipp von einer Freundin, die ihn von einem Bekannten hatte. Eine Einladung hatte ich also nie bekommen. Also lud ich mich selber ein. Mehr als „Nein“ sagen, konnten die nicht, war mein Gedanke. Also fragte ich nach – schließlich schreibe ich seit Jahren für ein Internetportal für Freizeitgestaltung. Das passt doch, dachte ich. Und hoffte, dass die das auch denken würden.

Du Zusage kam prompt: „Ich habe Ihre Anmeldung empfangen und melde mich in einige Wochen mit der Reisedetails“, antwortete mir der Holländer. Wunderbar, dachte ich. Das waren gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Eigene Erfahrung mit Pressereisen sammeln, und sich eine eigene Meinung darüber bilden. Natürlich ein kostenloser Urlaub – wie gesagt, ich bin Student. But most of all: Den ersten Eintrag für meinen Reiseblog schreiben. Könnte es besser laufen?

Am Freitag Nachmittag fuhr ich los, mit dem Auto von Münster nach Makkum. Während der Fahrt malte ich mir die nächsten Tage mit journalistischer Objektivität schon völlig vorurteilsfrei aus: Man kommt dort an, wird von dem Unternehmen gelobhudelt und komplimentiert. Dann würde sich das ganze umdrehen, das Unternehmen lobhudelt und komplimentiert sich selbst. Mit stundenlangen Vorträge über die Vorzüge des Unternehmens. Vermutlich würde bei jeder Gelegehenheit der Name des Unternehmens fallen. Nach einigen Stunden, vermutlich schon Minuten, würde man die Schnauze ordentlich voll haben. Der Artikel war in meinem Kopf eigentlich schon fertig geschrieben. Ich musste nur noch hinfahren und mich bestätigen lassen.

Nach zwei Stunden hatte ich den Hafen von Makkum erreicht, und gingen an Bord. Skipper und Matrose begrüßten mich freundlich, und führten mich unter Deck. Ich war noch nie segeln. Oder auf, bzw. in, einem Boot. Oder alleine in den Niederlanden. Es dämmerte mir allmählich: Ich hatte das alles nicht wirklich durchdacht. Da stand ich nun: An der Nordseeküste der Niederlande, alleine, völlig unvorbereitet und ahnunglos. Ich kam ziemlich naiv vor. Wie ein Anfänger, grün hinter den Ohren. Den anderen werden auch keine Ahnung haben, dachte ich mir und pellte mir die Eierschalen aus dem Haar.

Ich hab nur darauf gehört, was alle immer erzählen. Ihre Erfahrung. Oder die Erfahrungen ihrer Bekannten. Oder von Bekannten von Bekannten. Oder einfach, was sie sich denken. Das wäre schließlich offensichtlich. Fehler #1: Vorurteile übernehmen. Aber ich war schließlich da, um eigene Erfahrungen zu machen. Fast wollte ich mir selbst auf die Schulter klopfen.

Nu stand ich also da. Kannte niemanden, wusste nicht, was auf mich zu kommt. Fühlte mich etwas hilflos. Nach dem sich jeder seine Kajüte ausgesucht hatte, verselbstständigte sich die Vorstellungsrunde. „Ich bin der Blogger“, kam einer an Deck. Vermutlich in der Überzeugung, dass sonst nur Journalisten da wären. Pustekuchen. Dort waren nur Blogger. Und ich, die einzige Journalistin. Außerdem kannte die sich teilweise schon, und ich kannte so niemanden. Nun denn.

Es begann ein Wettstreit darum, wer den Anderen am besten klar machen konnte, dass sein Blog wirklich beliebt ist, sich zeitgleich aber überhaupt nichts darauf einbildet. „Von solchen Zahlen träumen andere nur. Aber eigentlich interessiere ich mich dafür auch gar nicht“, hörte ich jemanden sagen. Als man keinen klaren Gewinner herausheben konnte, widmete sich die Meute dem nächst besten Thema: Die abwesenden Blogger, oder Pressesprecher. Ab da wurde gelästert. Immer mit dem Nebensatz: „Aber ich will nicht lästern.“ Das versteht sich wohl von selbst.
Super, dachte ich. Das werden tolle drei Tage. Ich konnte mir schon denken: Sobald ich weg bin, lästern die auch über mich. Diesen Punkt wollte ich nicht unnötig herauszögern, also hab ich mich verzogen. Fehler #2: Sich abwenden. Auf meinem Weg ins Bett traf ich jemanden, der den Gedanken vor mir hatte. Zaghaft klopfte ich an seine Tür. „Na, auch neu hier?“, fragte ich. Wir kamen schnell ins Gespräch. Scheinbar war ich nicht die einzige, die sich in dieser eingeschworenen Gruppe, wo sich jeder kannte und schon überall war, nicht wohlfühlte. Wir waren halt die Neulinge. Newbies. Grün hinter den Ohren. Aber immer hin: Ich hatte einen Gleichgesinnten gefunden. Wenigstens etwas, dachte ich. Das Motto für den nächsten Tag: Ein klares Feindbild gibt dem Tag Struktur. Fehler #3: Partein bilden. Also ab ins Bett.

Sonderlich bequem war es nicht, und heiß noch dazu. Ich schlief schlecht, und hatte demensprechend schon beim Aufwachen schlechte Laune. Außerdem waren die eh alle doof, und hatten keine Ahnung, und ich musste noch zwei Tage mit denen verbringen. Mecker, mecker, mecker. Seltsamerweise besserte sich meine Laune auch beim Frühstück nicht. Warum nur? Das Essen war doch lecker, ein reichhaltiges Frühstück. Aber die Gesellschaft: Argh! Fehler #4: negative Gedanken.

Da bekommt man schon einen Urlaub geschenkt, einen Segel-Urlaub noch dazu. Mit leckerem Essen und einer tollen Erfahrung inklusive. Aber dann muss man es sich doch von solchen Missmachern und Lästermäulern kaputt machen lassen. Manche Menschen haben es sich einfach zur Aufgabe gemacht, einem den Tag zu versauen. Stimmt’s?

Nein. Denn letzentlich war ich mit meiner Einstellung nicht im Ansatz besser. Ich lebte genau das, was ich zu bemängeln hatte. Mein Fehler, geb ich zu. Aber daraus kann man lernen. Darum geht es schließlich bei meiner Reisephilosophie: Wer reist, der kann was lernen. Im Nachhinein ärgere ich mich also über mich selbst, aber zu meiner Verteidigung möchte ich sagen: Ich fühlte mich einfach unsicher. Da waren Menschen mit viel Erfahrung, die sich alle schon kannten, und ich war definitiv der Außenseiter. Ja, über sowas steh ich doch drüber. Ach, Lirumlarum: Das kann man eben auch nicht immer.

Beim nächsten Mal werde ich die Sache anders angehen, offener sein, und sollte ich mal einem Newbie begegnen – irgendwann, wenn ich „in der Szene“ angekommen bin – dann werd ich ihn mit offenen Armen empfangen. Hoffentlich. Sonst dürft ihr mir das auf ewig vorhalten.

Wie ging es also weiter? Etwas missmutig legte ich mich während der Fahrt nach Harlingen noch mal ins Bett und schlief eine Stunde, die Nacht war schließlich nicht sonderlich erholsam. Als es aber an Land ging, wollte ich auch nicht alleine sein. Das ist schließlich auch doof. Ich schloß mich also einigen Leuten an und trotete hinterher. Ich hörte mir ihre Gespräche an, und gab ab und zu mal meinen Senf dazu. Ein Thema hatten wir schnell gefunden: Es regnete. Mecker, mecker, mecker. Es fiel ein blöder Spruch nach dem anderen, wir machten Witze und lachten.

Moment… Wir machten Witze? Wir lachten? Fast hätte ich mich dabei erwischt, Spaß zu haben. Ich fing sogar an, die Leute zu mögen. Die waren… lustig. Eigentlich sogar ziemlich nett. Einer schmiss eine Runde Bier, der andere gab mir Tipps zu Fotos. In welchem Film war ich plötzlich gelandet? Die waren doch gestern noch so doof gewesen… Noch eine Lektion, die ich gelernt habe: Aus negativen Gedanken kann nur selten etwas anderes als ein negatives Ereignis werden. Statt mich aufzuregen und alles schlecht zu reden, hätte ich mich freuen sollen. Über diese Erfahrung, diese Möglichkeit. Naja, beim nächsten Mal, wie es so schön heißt…

Der Tag war, trotz des Regens, ein schöner Ausflug mit wirklich tollen Menschen. Wir quatschen und alberten rum, sahen und zusammen die Stadt und das Tallship Race an. Deshalb waren wir schließlich dort. Ich bekam allmählich das Gefühl, dass ich etwas überheblich an die Sache rangegangen war. Eine späte Erkenntnis, denn am Abend beschlossen wir fast kollektiv, schon eher abzureisen. Mir wurde noch geholfen, die richtige Route rauszusuchen. Ich wurde ein Stück auf dem Weg begleitet, damit ich mich nicht verfahre und am nächsten Tag herrschte reger Kontakt auf Twitter. Heute freue ich mich, diese Bekanntschaften gemacht zu haben und kann nichts anderes behaupten, als dass es sich da um wahnsinnig nett und freundliche Menschen handelt. Die vielleicht genau wie ich am ersten Tag nur etwas unsicher waren. Und wenn das nicht zutrifft: Die ich vielelicht einfach falsch eingeschätzt habe. Aber wie gesagt: Daraus lernt man.

Und, für’s Protokoll, und die Kollegen: Das Segel-Unternehmen „Holland Sails“ hat uns in drei Tagen insgesamt 15 Minuten was über sich selbst erzählt. Keine Lobhuldigung, kein Zugesabbel. Genau so war es auch mit meinem Artikel. Journalistische Objektivität ist immer noch das Leitmotiv in unserem Job.