Herzthemen

Es gibt viele große Themen unserer Zeit, die mich interessieren — und wenn ich könnte, und der Tag mehr als 24 Stunden hätte, dann würde ich mich ihnen allen zuwenden. Es gibt jedoch zwei große Themenbereiche, die mir stark am Herz liegen (deshalb „Herzthemen“): Feminismus, Anti-Rassismus, LGBTQ*+ auf der einen Seite, Ernährung, Tier- und Umweltschutz auf der anderen Seite.

Diese Themenbereiche sind miteinander verbunden: Es geht um Machtasymetrien, um Ungerechtigkeit und um kollektive Verantwortung. Sowohl in meinem Privatleben als auch mit meiner Arbeit als Journalistin habe ich versucht, diesen Themen mehr Aufmerksamkeit, mehr Präsenz zu verschaffen — und das möchte ich auch weiterhin tun.

Feminismus, Anti-Rassismus und LGBTQ*+

Weder Geschlecht, noch sexuelle Orientierung, Herkunft, Staatsbürgerschaft, Kultur, Religion, Klasse, Alter, physische Fähigkeiten oder mentale Gesundheit – kurz: die Identität eines Individuums – sollten eine Rolle im Umgang zwischen Menschen spielen. Leider ist unsere Gesellschaft davon sowohl im kapitalistischen Arbeitsalltag als auch im Privatleben oft noch meilenweit von dieser Wunschvorstellung entfernt.

Dabei gibt es große Bewegungen — teils schon seit Jahrhunderten, teils erst seit Jahrzehnten —, die für eine gerechtere Welt kämpfen. Drei davon verfolge ich mit besonderem Interesse: Feminismus, Anti-Rassismus und LGBTQ*+. Es ist fast unmöglich, diese Themenfelder getrennt voneinander zu betrachten; besonders unter dem Stichpunkt der Intersektionalität. Nur aus stilistischen Gründen habe ich sie in drei Abschnitte unterteilt.

Feminismus

Seit 1896 dürfen Frauen* in Deutschland studieren, 1918 erhielten sie das aktive und passive Wahlrecht, seit 1949 sind sie laut Verfassung gleichberechtigt, seit 1961 in der Politik präsent, seit 1980 sollten sie am Arbeitsplatz mit ihren männlichen* Kollegen gleichbehandelt werden, seit 1997 ist die Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

Diese Jahreszahlen erschrecken mich immer wieder. Noch vor 130 Jahren, also zu Zeiten meiner Ur-ur-Großmutter, fehlte es Frauen* an grundlegenden Rechten – auf Bildung, Einfluss und körperliche wie seelische Unversehrtheit. Dass mir dieses Schicksal erspart blieb, verdanke ich mutigen Frauen* und Männer*, die gegen diese Ungerechtigkeit angekämpft und die verschiedenen Feminismen (von lat. feminia, Frau) begründet haben – und trotzdem bleibt in unserer patriarchalen Gesellschaft das Bild der Feministin als männer*hassende Emanze vorherrschend. Dabei geht es gerade nicht darum, die Fronten zwischen den Geschlechtern zu verhärten, sondern sie aufzulösen.

Doch es kursiert der Mythos, dass Feminist*innen es auf Sonderrechte abgesehen hätten. Das Gegenteil ist der Fall: Wir wollen die Sonderrechte, die viele Männer* innerhalb patriarchaler Strukturen seit Jahrhunderten ungefragt in Anspruch nehmen, hinter uns bringen und eine gleichberechtigte Gesellschaft aufbauen. Davon profitieren sowohl Frauen*, als auch Männer*, wenn sie sich nicht mehr in vorgefertigte Rollen zwingen und den Erwartungen Anderer gerecht werden müssen.

Anti-Rassismus

Dass ich als weiße Frau* nicht nur patriarchial, sondern auch rassistisch sozialisiert wurde, ist eine Erkenntnis, die ich erst in meinen späten 20ern hatte. Durch Feministheorien und -bewegungen lernte ich, meinen male-as-norm-Blick (auch “male gaze” genannt) abzulegen — doch es dauerte noch einige Zeit, bis ich auch „woke“ wurde. Als Frau war ich schließlich Opfer eines machtasymetrischen Systems, wie konnte ich da zeitgleich eine Täterin sein?

Diese Erkenntnis, dass auch ich zum systematischen Rassismus beitrage (damals wie heute), hatte ich erst vor einigen Monaten. Eine Bekannte machte mich auf meinen Alltagsrassismus aufmerksam, den ich instinktiv abstritt. Ich fühlte mich angriffen („white fragility“). Erst später lernte ich, dass mein Verhalten in diesem Moment wie aus dem Lehrbuch war. Denn Rassismus ist in Deutschland ein Tabu-Thema: Oft ist es anstößiger, eine Person auf ihren unterschwelligen Rassismus (Othering, Tokenism, Blackfacing, White Savior Complex, Cultural Appropriation, Unconscious Bias, Racial Profiling, etc.) aufmerksam zu machen, als sich selbst rassistisch zu äußern. Es ist aber wichtig, das die Gefühle der Täter*innen nicht über den Schmerz der Opfer gestellt werden. Denn mit diesem System, dass seit Jahrhunderten in weiten Teilen der Welt vorherrscht, kann keine Gerechtigkeit eintreten.

Doch meine Bekannte ließ sich nicht abwimmeln und drückte mir ein paar Bücher in die Hand. Es war eine schmerzhafte und beschämende Zeit, als ich “Happyland” (Tupoka Ogette) zum ersten Mal verließ und mir bewusst wurde, wie rassistisch ich geprägt bin und ich erkenne seitdem fortlaufend die Diskriminierungen in meinem Denken, meiner Sprache, meinem Handeln. Seit dem Beginn dieser anti-rassistischen Reise, die immer noch nicht abgeschlossen ist, hat sich in meinem Kopf viel verändert – und so, wie meine Bekannte und Autor*innen wie Alice Hasters und Noah Sow mich aufgeklärt haben, möchte ich ebenfalls meinen Beitrag zu einer anti-rassistischen Gesellschaft leisten.

LGBTQ*+

Als ich 13 Jahre alt war, erklärte mir meine Mutter, dass es völlig in Ordnung wäre, wenn ich lesbisch sei. Nur müsste ich mich für ein Geschlecht entscheiden: Einen Tag mit einem Jungen und am anderen Tag mit einem Mädchen nach Hause kommen, dass sei ihr zu verwirrend. Als ich mich 15 Jahre später auch vor meinem Vater und dessen zweiter Ehefrau outete, war die Reaktion nicht viel besser: “Du bist nicht bisexuell, du willst nur tolerant wirken”, hörte ich da.

Diese Erinnerungen sind schmerzhaft, aber verhältnismäßig harmlos. Ich musste meine Sexualität nie verstecken, mein Leben wurde nie von ihr beeinflusst. Diese Erfahrung steht im Gegensatz zu denen vieler anderer Menschen aus der LGBTQ*+-Community. Aber in einer idealen Welt sollte niemand Angst davor haben, sich als die Person zu geben, die sie wirklich ist; niemand sollte sich “outen” müssen, weil Heteronormativität nicht mehr der Standard ist. Dazu möchte ich beitragen.

Ernährung, Tier- und Umweltschutz

Bevor ich mit 19 Jahren zuhause ausgezogen bin, habe ich mir um meine tägliche Ernährung kaum Gedanken gemacht: Ich aß, was auf den Teller kam — und das war meistens geprägt von der aktuellen Diät meiner Mutter. Das änderte sich schlagartig, als ich den Kühlschrank meiner ersten Wohnung selber füllen musste. Erst im Supermarkt merkte ich, dass ich keine Ahnung hatte, was eine gesunde und ausgewogene Ernährung ausmachte, und ob ich mir diese mit meinem schmalen Geldbeutel leisten konnte.

Ich wandte mich dem Internet sowie einigen Büchern zu und begab mich auf eine Reise, die auch zehn Jahre später noch kein Ziel erreicht hat. Auf dem Weg musste ich aber feststellen, dass meine Ernährung unmittelbar mit meiner Gesundheit zusammenhängt — und einen Beitrag, positiv wie negativ, zum Umweltschutz leisten kann.

Ernährung

Milch unterstützt die Knochen, Hühnchen die Muskeln, Fisch die Haut; Süßigkeiten sind ungesund, Salz ebenso und Fett macht dick: Mit diesen Glaubenssätzen bin ich aufgewachsen, Lebensmittel wurden immer in „gut/gesund“ und „böse/schlecht“ unterteilt. Es dauerte nicht lange, da hatte ich diese Dogmen mit modernen Studien widerlegt, doch es dauerte ewig, bis sich die Denkmuster in meinem Gehirn änderten. Ehrlich gesagt kann ich auch heute noch kein Stück Kuchen essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Mit diesem Gefühl, mit diesem täglichen Kampf, indem sich „comfort food“ und ein gesunder Lebensstil scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen, stehe ich nicht alleine da. Es gibt viele Menschen, die täglich unter diesem vermeintlichen Widerspruch leiden, die von Diät zu Diät springen, tagelang fasten und sich dann „cheat days“ als ausgleichende Belohnung einrichten. Geprägt durch gephotoshopten Instagramposts, kapitalistische Werbung und Falschinformationen der Lebensmittellobby, findet der Konsument kaum Orientierung im Dschungel der „lifestyle choices“.

Deshalb sollte in den Medien wesentlich kritischer über vermeintlichen Gesundheitstrends und manipulierte Studienergebnisse berichtet werden. Denn die tägliche Ernährung eines Menschen betrifft nicht nur seinen Magen, sondern auch seine körperliche wie mentale Gesundheit — und die Umwelt.

Tier- und Umweltschutz

60 Prozent des in Deutschland angebauten Getreides wird nicht genutzt, um Menschen zu ernähren, sondern als Tierfutter: um Lebewesen zu mästen, die dann ermordet werden, damit die Deutschen sie essen können — was ich ethisch schon mehr als fragwürdig finde—, obwohl dabei nicht nur Energie (Kilokalorien) verloren geht, sondern diese Ernährung auch in Zusammenhang mit Krankheiten wie Krebs, Herzinfakten und Übergewicht steht. Als ich dieses System zum ersten Mal verstand, war ich geschockt — und dabei hatte ich die Wasserverschwendung (trotz seiner weltweiten Knappheit) und den Ausschuss von Treibhausgasen noch gar nicht einberechnet.

Wenn dann noch Massentierhaltung und -tötung, Bienensterben, Waldrodung, Monokulturen, Lebensmittelverschwendung und Plastikproduktion als Nebeneffekt unserer täglichen Ernährung um Faktoren unseres modernen Lebens — wie Fast Fashion, Konsumsucht, individueller Nahverkehr und Billigflüge — ergänzt werden, dann ist die Absurdität unseres Lebensstils kaum zu leugnen. Dessen katastrophale Auswirkung wurden vor zehn Jahren noch schmunzelnd abgetan, sind aber mittlerweile weltweit zu messen: in Form der Klimakrise (Hitzewellen, Naturkatastrophen, Artensterben) und einer Gesundheitsepidemie (Krebs, Diabetes, Übergewicht, Herzkrankheiten).

Trotzdem gibt es auf der Welt noch viele Menschen, die von diesem Thema nichts wissen wollen oder hoffen, dass “die Politik” unsere Probleme schon regelt. Doch die Weltgemeinschaft — an erster Stelle der „globale Norden“, dessen Industrie den Schaden angerichtet hat, unter dem nun besonders der „globale Süden“ zu leiden hat — hat eine gemeinsame Verantwortung, der Klimakrise entgegen zu wirken: bevor dieser Planet für kommende Generationen kaum noch zu bewohnen ist. Damit das gelingt, müssen die Deutschen ausreichend, aber sachlich — sprich: ohne Zeigefinger — informiert werden, welchen Beitrag sie zu dem Weg aus der Klimakrise leisten können: nicht nur durch die Umstellung ihres Lebens, sondern auch durch ihren Einfluss auf die Politik.