Lebenslauf

Ich bin Lisa Fraszewski: Reporterin und Redakteurin. Zehn Jahre habe ich in der Medienbranche gearbeitet, bis ich meine Berufswahl erstmals in Frage stellte — und mich für eine Pause entschied. Eine Auszeit, um Abstand zu gewinnen, um mich neu zu orientieren. Denn mein journalistischer Weg hat sich anders entwickelt, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. 


Damals, während meines Abiturs, blickte ich ziemlich lustlos in die Zukunft und wusste nicht, welchen Berufsweg ich einschlagen wollte. So saß ich 2010 eher ziellos vor einer Studienberaterin und fragte sie, welche Fächer ich denn wählen solle. Denn eins stand für meine Familie fest: Ich sollte studieren. Nach rund eineinhalb Stunden hatte diese geduldige Frau mich dazu gebracht, meine Interessen zu erkennen: Ich wollte Kontakt zu Menschen, zur ihren Geschichten, ich wollte die Welt verstehen und vielleicht sogar ein bisschen verändern — und auf keinen Fall ständig am Schreibtisch sitzen. Ich verließ ihr Büro mit einem Plan: Ich wollte Journalistin werden, jedoch nicht die klassische Fächerkombination (Deutsch und Englisch) studieren. Ich wollte meine Herzthemen vertiefen — also entschied ich mich für Geschichte und Philosophie

Das waren gleich drei „brotlose Künste“, wie meine Großmutter sagte. Im Gegensatz zu meiner optimistischen Sichtweise, dass ich eine Karriere schon irgendwie schaffen werde, sah meine Familie die Lage realistischer: Ich hatte kein „Vitamin B“. Meine Eltern waren 1989 noch vor der Wende aus der DDR ausgereist und nur mit ein paar Koffern von Leipzig an den Niederrhein gezogen, wo ich ein Jahr später geboren wurde. Meine Mutter wurde Sekretärin an einer Schule, mein Vater Schlosser in einem Kraftwerk. Sie hatten keinen Bezug zu einer akademischen Laufbahn, keine Kontakte zum Journalismus, keine Vorstellung von einer solchen Karriere, und ich als „Arbeiterkind“ ebenso wenig.

Die ersten Erfahrungen

Statt guter Kontakte kam mir der Zufall zur Hilfe – in Form eines Kameramannes. Ich hatte mein Studium in Münster noch nicht begonnen, da fantasierte ich bei einem Kneipenabend mit Freunden bereits von meiner Karriere als Journalistin. Ein Bekannter hörte mir zu und verkündete, er wolle Kameramann werden und sei gerade in die Domstadt gezogen. Er hatte einen eigenen YouTube-Kanal namens LeezTV und filmte jede Woche eine Reportage aus der Region, die er hochlud. So kam es, dass ich drei Monate später vor der Kamera stand und meine ersten Erfahrungen als Journalistin sammelte.

Wenn ich mir die alten Folgen heute angucke, dann gibt es 100 Dinge, die ich anders machen würde — aber das weiß ich nur, weil wir es ausprobiert haben und lernen konnten. Wir recherchierten jede Woche für ein neues Thema, suchten Gesprächspartner und Experten zu regionalen Ereignissen, vereinbarten Termine, organisierten Drehs, filmten und führten Interviews vor Ort, saßen zuhause am Schreibtisch und schnitten das Material auf einem Laptop zusammen, schrieben die Off-Texte und sprachen sie ein. Ich liebte diese neue Welt — und es dauerte nicht lange, da nahmen die Dinge ihren Lauf. 

Praktika und Nebenjobs

Es folgte ein Praktikum und anschließend die freie Mitarbeit bei einem lokalen Fernsehsender, der unser Programm jede Woche auf seiner Frequenz ausstrahlte. Mit dieser Erfahrung bewarb ich mich bei regionalen Zeitungen, Radiosendern, Medienproduktionsfirmen und Nachrichtenagenturen auf weitere Praktikumsplätze. Mit Erfolg. 

Zwar halfen meine Eltern und Großeltern dabei, meine akademische Laufbahn zu finanzieren — aber einen guten Teil musste ich selber tragen. So nahm ich jeden Nebenjob an, der auch nur im Entferntesten mit meinem Wunschberuf zu tun hatte: Ich arbeitete als freie Mitarbeiterin in Redaktionen für Print und Rundfunk, erstellte Imagefilme und Dokumentationen für größere Firmen, übernahm das Social-Media-Management und die Webseitengestaltung für kleinere Unternehmen und schrieb deren PR-Texte. Zudem besuchte ich Konferenzen, Workshops und Seminare, um mich stetig weiterzubilden.

So dauerte es am Ende neun Semester, bis ich meinen Bachelor of Arts in der Tasche und mein Studium im Februar 2015 abgeschlossen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits einige Berufserfahrung gesammelt – und machte mich selbstständig. Obwohl ich heute gerne an diese Zeiten zurückdenke, erinnere ich mich auch, dass ich unter der konstanten Unsicherheit, beruflich und finanziell, sehr gelitten habe.

Das Volontariat

Deshalb zögerte ich nicht lange, als die Chefredakteurin eines lokalen Anzeigenblattes mir für April 2016 ein Volontariat anbot. Ich mochte die Regelmäßigkeit meines neuen Arbeitsalltags, mochte die hektische Dynamik des Teams kurz vor Redaktionsschluss, aber vor allem mochte ich die Arbeit selbst. Meine Kollegen hörten mir zu, schätzen meine Vorschläge, ließen mir freie Hand bei der Gestaltung meiner Artikel. Sie gaben mir Feedback und wertvolle Tipps. So recherchierte ich Themen, vereinbarte Termine, führte Interviews, machte Fotos, schrieb Berichte, gestaltete ihr Layout — und bekam schließlich ein größeres Projekt zugewiesen.

Mit ein paar Kollegen sollte ich die Präsenz unseres Anzeigenblattes in den sozialen Netzwerken verbessern. Ich nahm das zum Anlass, um neben meinem Volontariat noch eine Ausbildung zur Social-Media-Managerin anzufangen. Innerhalb von vier Monaten lernte ich die verschiedenen Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und Co. kennen, und damit auch ihre Algorithmen. Nachdem ich auch das Unternehmen meines Arbeitgebers analysiert hatte, erstellte ich als Abschlussprojekt eine 15-seitiges Facharbeit für eine „Social-Media-Strategie zur Image- und Branding-Verbesserung“. Damit war die Grundlage für unser Projekt geschaffen.

Festanstellung als Onlineredakteurin

Als mein Volontariat im März 2018 endete, hatte unser Team die gewünschten Meilensteine der „sozialen Reichweite“ erlangt und ich fühlte mich allmählich als vollwertige Redakteurin. Zeitgleich stampfte mein Arbeitgeber ein neues Medium aus dem Boden: ein Reichweitenportal für das Münsterland. Dort wurde mir eine Stelle als Online-Redakteurin angeboten. Doch nicht nur das: Ich sollte auch eine neue Redaktion mitaufbauen. Erneut arbeitete ich mich in unbekannte Themenfelder ein — wie agiles Management oder Datenanalyse. Letzteres war ein Aspekt, der mir im Printjournalismus immer gefehlt hatte: Niemand konnte nachvollziehen, welche Artikel in der Zeitung wirklich und vollständig gelesen wurden. Der Inhalt einer Zeitung, ihre Themen, werden immer von der Redaktion gesteuert. Der Leser war damit abhängig von unserer Auswahl. Aber damit konnte ich mir als Journalistin nie sicher sein, ob meine Artikel auch relevant für die Leser waren. Mir fehlte das direkte Feedback. Da änderte sich mit dem Onlinejournalismus: Mit Tools wie Linkpulse und Google Analytics erhielt unsere Redaktion Aufschluss darüber, wie viele Menschen unsere Artikel gelesen hatten — und wie lange sie dafür gebraucht hatten, ob sie ihn komplett lasen oder zwischendurch abgesprungen waren. Wir nutzen diese Zahlen, um unsere Inhalt entsprechend zu optimieren und ich lernte das Schreiben neu: suchmaschinenoptimiert und mit möglichst griffigen Überschriften, um im aufmerksamkeits-konsumierenden Internet überhaupt gesehen zu werden.

Ein Neustart

Doch als die anfängliche Freude über das neue Aufgabenfeld und die Verantwortung nachließ, musste ich feststellen, dass die Arbeit mich nicht zufriedenstellte. Zwar bekam ich die Freiheit, mich meinen „Herzthemen“ zu widmen — doch Naturschutz, Feminismus und Anti-Rassismus hatten bei Klickzahlen keine Chance gegen Staus und Unfälle, Kriminalität und Gerichtsprozesse, Skandale und Neuheiten. Von meiner Wunschvorstellung nach dem Abitur war ich also weit entfernt: Ich hatte kaum Kontakt zu Menschen, erzählte kaum Geschichten und saß nur vor dem Bildschirm und am Telefon.

Zwei Jahre und eine Depression samt Burnout-Syndrom später, reichte ich meine Kündigung ein. Ich entschied mich für eine Auszeit in Irland, wo ich schließlich ein Jahr lebte und mein Berufsfeld überdachte.

Dabei wurde mir bewusst, dass die Medienbranche mich nach wie vor begeistert und ich ihr nicht den Rücken kehren will. Ich möchte nur in einen Bereich wechseln, der meine Herzthemen beinhaltet, also besser zu mir passt. Deshalb suche ich nun einen neuen Job, der mir wieder Kontakt zu Menschen und Geschichten ermöglicht; der mir die Hoffnung gibt, zumindest in einem meiner Herzthemen eine Veränderung herbeizuführen; ein Job, in dem ich meine bisherige Berufserfahrungen aus den verschiedenen Bereichen des Journalismus, Social Media und PR-Management sowie Filmproduktion sinnvoll einsetzen kann. Ein Job mit Bedeutung.